Ein Tag bei uns

Ankommen und  Einfinden – die erste wichtige Handlung, die die Kinder mit Begleitung der Eltern und den Pädagoginnen am Tag meistern.

Es ist ein notwendiges Ritual, durch das ein Übergang gemeistert wird, nicht nur für das Kind, sondern auch für die Eltern.
Das Kind aus den Händen geben – es loslassen  - gleichzeitig die Ruhe und Sicherheit vermitteln, dass es ihm gut gehen wird und es einen schönen Tag verbringt. Dass die Eltern mit ruhigen Gedanken ihrer Arbeit nachgehen können und am Ende des Tages ihr Kind wieder in den Arm nehmen.
Für uns Pädagoginnen bedeutet dies, willkommen heißen, Freude vermitteln „Schön, dass du da bist“ und damit eine positive Lebenseinstellung bewirken.

Die Arbeit beginnt!...
Arbeiten in einer Kinderkrippe? – Ja, die Tätigkeiten und Handlungen der Kinder sind harte Arbeit. Sie müssen viel Anstrengungen, Kraft und Gedanken verwenden, um die Dinge des Alltags zu bewältigen.

Die ersten Herausforderungen befinden sich in der Vorbereitung zum Frühstück  in der Gruppe. Gemeinsam, jedes Kind nach seinen Möglichkeiten, wird das Frühstück vorbereitet, dazu gehört z.B.:

  • dass der Tisch gedeckt wird
  • das Brot wird angerichtet und geschmiert
  • Obst und Gemüse wird geschnitten
  • Quark wird angerührt
  • ein Ei wird gekocht
  • ein Brotaufstrich hergestellt…

Es gibt vieles zu tun für die jungen Hände, die manchmal noch recht ungeschickt sind, aber mit jeden Tag diese Herausforderungen zunehmend sicherer meistern.

Am Ende dieser ganzen Vorbereitungen steht das Frühstück, bei dem die Kinder in Ruhe, in der Gemeinschaft ihr Essen einnehmen. Dabei steht wieder im Vordergrund, dass sie beginnen, für sich selbst zu Sorgen. Sie nehmen sich ihr Essen auf den Teller, sie schenken sich selbst ein.
Essen soll nicht nur dafür da sein, um den Hunger als körperliches Bedürfnis zu stillen. Essen ist viel mehr: Freude am Erleben der Gemeinschaft, unsere Kultur und Traditionen in sich aufnehmen, ein Gefühl für die eigene Person entwickeln und die angeborene Fähigkeit zur Selbstregulierung für die Menge der Essensaufnahme zu erhalten.

Wo gehobelt wird, da fallen Späne…
Dies  passiert bei der Arbeit der Kinder im wahrsten Sinn des Wortes.
Aber auch dafür gibt es eine Lösung, die Körperpflege und das Saubermachen.

Die Körperpflege erfolgt natürlich dort, wo sie auch in der häuslichen Umgebung stattfindet – im Kinderbad. Und wieder gibt es viel Arbeit für das junge Kind, so z.B.: 

  • Hände und Gesicht waschen
  • Das Benutzen von Seife
  • Das Finden des eigenen Handtuchs und abtrocknen
  • Kleidung auf Sauberkeit prüfen und wenn Bedarf ansteht die Kleidung wechseln
  • Der Gang auf die Toilette/Töpfchen
  • Das Wechseln der Windel
  • dabei mit Hand anlegen, wenn es ums Aus- und Anziehen geht

Auch hierbei erleben die Kinder Eckpunkte unserer Kultur, die Interaktion mit anderen Kindern und den Pädagoginnen ist ein entscheidendes Kriterium.
Nicht nur die Kinder sollen an ihrer Person das Gefühl der Reinheit und des angenehmen Wohlfühlens erleben, auch in der Gemeinschaft und in der vorbereiteten Umgebung soll sich dies wiederspiegeln.

Das Kind…“absorbiert die Umgebung und verändert sich in Harmonie mit dieser wie die Insekten mit den Pflanzen, auf denen sie leben. … Die Kinder werden wie das, was sie lieben…Die Umgebung des kleinen Kindes muss die Welt sein, die Welt die es umgibt, alles in ihr.“ Maria Montessori

Aus diesem Grund ist die Umgebung, angefangen von den Aktivitätsmöglichkeiten, der Handhabbarkeit der Dinge bis hin zum Einsatz von Unterstützung und Hilfe so gestaltet, dass das Kind die Erfahrung macht „ich kann es allein!“ und somit eine fundamentale Motivation für weitere Entwicklungsschritte in sich verankert. Wir, die Pädagoginnen stehen dabei dem Kind zur Seite, nehmen ihnen die Dinge aber nicht aus der Hand, sondern binden sie ganz bewusst in die Vorgänge des miteinander Lebens ein.

Dies setzt sich z.B. nach dem Waschen im Kinderbad so fort, dass die Kinder ihre Kleidung betrachten. Schmutzwäsche wird ausgezogen, kommt in den Wäschekorb, wird später zur Waschmaschine getragen und die Waschprozedur beginnt. Das Füllen der Waschmaschine macht dabei genauso viel Spaß, wie das Aufhängen der Wäsche, oder das Wäschesortieren.

Und schon sind die Hände und der Kopf der Kinder wieder in Bewegung: „Ist das meine Hose?“ oder „Wie lege ich nur die Dinge zusammen?“  Perfektion spielt dabei keine Rolle, mitmachen zählt, dann kommt die Perfektion von ganz allein!

In der Zeit am Vormittag gibt es viel zu tun.
Dabei spielen vor allem Aspekte aus der Sprache, der Bewegung, der Sinnesanregung, der Musik, der Kreativität, der Natur und der Erkundung der Welt  mit ihren Ordnungsstrukturen eine wesentliche Rolle. An dieser Stelle seien nur einige Aktivitäten genannt, die die Kinder in der Zeit zwischen Frühstück und Mittagessen ausführen können:

  • Geschirr waschen
  • Ritual des Begrüßungs- und Singkreises miterleben
  • Dinge sortieren
  • Experimentieren z.B. Wo gehört was rein, wie passen die Dinge zusammen?
  • Kuchen backen
  • Perlen fädeln
  • an der Staffelei malen
  • im Zimmer für Bewegung aktiv sein
  • den Flur kehren oder einen Tisch abwischen
  • im Singkreis treffen und das „Bergwichtellied“ singen
  • mit Instrumenten musizieren
  • Bücher ansehen
  • alles genau beobachten
  • sich ausprobieren in Relationen – wie stehen die Dinge miteinander in Verbindung  auf dem Berg
  • sich ausprobieren in der Funktionalität der Dinge – wie verwende ich Arbeitsgeräte funktionsgerecht?
  • Symbolspiel – so tun als ob
  • mit dem Freund kuscheln
  • durch den Garten wandern
  • Spazieren gehen auf dem Berg und kein Ziel zu haben
  • für sich allein die Welt erkunden, aber auch Sequenzen von Gemeinschaft erleben

… - einfach LEBEN!

Bei so viel Arbeit muss natürlich auch Energie getankt werden.

Dafür gibt es ein ausgiebiges Mittagessen, das  jeden Tag von der Köchin frisch gekocht wird. Miterleben, wie Essen entsteht, das Essen nicht  nur schmecken, sondern auch riechen und in der Küche mal schauen, wie die Dinge aussehen, bevor sie in den Topf kommen. Und wenn alles fertig ist und der Tisch von den Kindern eingedeckt wurde, dann den Servierwagen holen und das Essen ins Zimmer fahren.

Wieder geht es um Selbständigkeit!
Selbst Essen auf den Teller nehmen, die Entscheidung treffen Gabel oder Löffel zu benutzen, sich das Trinken einzuschenken, Tischregeln erleben… aber auch den Teller abräumen, das Geschirr und das Besteck zu sortieren, den Tisch abwischen…alles Handlungen, zu denen die Kinder von uns angeregt werden und wenn sie es bewältigen, dann erfüllt es sie mit Stolz und die Gelassenheit im Tun hält Einzug!

Ein altes Sprichwort besagt: „Nach dem Essen muss man ruhen…“
Ausruhen, schlafen, entspannen, erholen ist nicht an feste Zeiten gebunden. Der Schlafrhythmus der Kinder ist unterschiedlich. Einige junge Kinder brauchen ein Zwischenschläfchen am Vormittag, manchmal muss es auch etwas eher das Mittagessen für ein Kind geben, da die Augen nicht mehr aufbleiben wollen.
Flexibilität ist hier ebenso wichtig wie Kontinuität. Wie passt das zusammen?

„Wollen wir dem Seelenleben des Kindes zu Hilfe kommen, so heißt es vor allem, das Kinderbett und den Brauch des erzwungenen unnatürlich langen Schlafes abzuschaffen. Das Kind muss das Recht haben, zu schlafen, wenn es schläfrig ist, aufzuwachen, wenn es ausgeschlafen ist, und aufzustehen, wenn es will…“ Maria Montessori

Jedes Kind hat seinen Schlafplatz, sein Kuscheltier, einen Schlafanzug, seine eigene Art und Weise einzuschlafen. Durch die Gestaltung der vorbereiteten Umgebung können wir dem Rechnung tragen und den individuellen Bedürfnissen des Kindes folgen.

Nach dem Ausruhen und dem "Frischmachen" kann der restliche Tag mit neuer Energie in Angriff genommen werden.
Die Vesper wird gemeinsam mit den Kindern zubereitet und im gemütlichen Beisammensein eingenommen. Dabei kommen natürlich wieder Aspekte der Eigenaktivität und der Ansporn an das selbständige Handeln der Kinder ins Spiel. „Alleine machen!“ – wer kennt sie nicht, die Worte aus dem Mund eines jungen Kindes!

Und dann öffnet sich die Tür und das Kind erlebt das Einhalten eines Versprechens, dass die Eltern ihm heute Morgen beim auf Wiedersehen sagen  gegeben haben: „Ich hole dich heut Nachmittag ab!“ – dem Urvertrauen zum Leben steht nichts mehr im Weg!

Bei all den Dingen, die wir hier aufgeführt haben wird deutlich, dass nicht die Uhr und der Zeitdruck unseren Alltag bestimmen.
Die Kinder mit ihren Rhythmen in den Einklang mit den Dingen des Alltags und des Ablaufs der Zeit zu bringen, ihnen so Raum für individuelle Entwicklung zu geben und gleichzeitig Ordnung und Struktur zu vermitteln, dass ist die große Kunst, die die Pädagoginnen im „Haus für das junge Kind“ täglich versuchen zu meistern.

„Das Kind ist nicht ein leeres Gefäß, das wir mit unserem Wissen angefüllt haben und das uns so alles verdankt. Nein, das Kind ist der Baumeister des Menschen, und es gibt niemanden, der nicht von dem Kind, das er selbst einmal war, gebildet wurde.“ Maria Montessori